#egoismismurder

Auf dem Sechsundachtzig-Zoll-Flatscreen flackerten die letzten Bilder des Präsidenten. Im Grunde war es schon immer erwartbar gewesen. Er war nur der letzte in einer langen Reihe von Staatsoberhäuptern überall auf dem Globus, die weitreichende Ausgangssperren verkündet hatten.

Eugene Vandertone stellte den Ton auf lautlos und ließ sich zurück auf die handbestickten Kissen aus korsischer Manufaktur sinken. Nicht, dass es nötig gewesen wäre, den Nachrichtensprecher zum Verstummen zu bringen, er wurde mit Leichtigkeit von der Lungenmaschine übertönt, die neben Vandertones Krankenbett stand und in rhythmischen Abständen Luft in seine Maske presste.

Als hätte sie nur auf diesen Augenblick gewartet, öffnete sich die Mahagonitür. Mit einem fünfhundert Dollar teuren Blumenstrauß, einem silbernen iPad und seiner üblichen, aalglatten Aufgeräumtheit bewaffnet, betrat Ruben Harrison das Krankenzimmer. Sein Haarschnitt war wie immer makellos, und der italienische Leinenanzug farblich perfekt auf den Mundschutz abgestimmt.

„Alles läuft nach Plan, nicht wahr Eugene?“, bemerkte Harrison, als er den Bildschirm sah.

Vandertone atmete rasselnd aus, im Einklang mit dem Lungenautomaten.

„Na ja, vielleicht nicht ganz“, fuhr Harrison fort, während er den Blumenstrauß in die mundgeblasene, venezianische Vase fallen ließ. „Wie alt bist du jetzt, Eugene? Zweiundsechzig? Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet du zur Risikogruppe gehören könntest?“

Vandertone ballte seine fast altersfleckenfreien Hände zu Fäusten und wünschte sich, er hätte Harrison direkt wieder hinauswerfen oder ihm zumindest verbal Paroli können. Alles, was er im Augenblick konnte, war dem Beatmungsgerät bei seiner Arbeit zuzuhören. In der Hoffnung, dass Harrison seine Botschaft verstehen würde, zog er abschätzig die Augenbrauen hoch und wandte den Blick ab, um aus dem Panoramafenster zu sehen.

Harrison trat so dicht an die wandfüllende Glasscheibe heran, dass er beinahe mit der Nasenspitze dagegen stieß und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Draußen zogen Möwenschwärme über den Himmel. Die Gischt auf den Wellen wetteiferte mit den Zirruswolken um das makelloseste Weiß.

„Schön hast du es hier in der Privatklinik, Eugene. Und seit die Leute nicht mehr so viele Abgase in die Luft blasen, ist der Ausblick auf die Bucht noch viel malerischer.“

Seufzend wandte er sich ab. „Aber deshalb bin ich nicht hierher gekommen, sondern wegen diesem hier.“ Harrison warf Vandertone das Tablet auf den Schoß, nicht ohne penibel auf die zwei Meter Sicherheitsabstand zu achten.

Vandertone musste es nicht in die Hand nehmen, um zu wissen, was er darauf sehen würde. Er verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf. Als hätte er nichts anderes erwartet, fuhr Harrison unbeeindruckt fort.

„Die Leute reißen uns unsere Weblösungen aus der Hand. Über Nacht ist unser Kurs um fünfundzwanzig Prozent gestiegen. Fünfundzwanzig! Die Anleger wissen gar nicht mehr, wohin anders mit ihrem Geld, jetzt, wo der ganze Rest den Bach runter geht.“

Harrisons Blick huschte zum stummen Fernseher, wo drei Dutzend Internetvideos belangloser Influencer den Bildschirm in ein überdrehtes Schachbrettmuster verwandelten. Er ging darauf zu und tippte mit dem Finger auf den Nachrichtenticker, der am unteren Rand durchlief.

„Hier: meine neueste Idee. #egoismismurder. Sollte ausreichen, um den letzten Zuhauseverweigerern den Todesstoß zu verpassen.“

Vandertone knetete ungeduldig seine Hände auf der Seidendecke und suchte nun doch Harrisons Blick. Dieser tat ihm den Gefallen, und Vandertone sah trotz des Mundschutzes, dass sein Partner das glatte, geschäftsmäßige Lächeln aufgesetzt hatte, das die Augen nie erreichte, dafür allerdings in ihnen den stahlharten Ausdruck hinterließ, den Vandertone nur zu gut kannte.

„Ich muss dir danken, Eugene“, sagte Harrison, „denn ich durfte die letzten vier Jahre unendlich viel von dir lernen. Besonders beeindruckt war ich von der Idee, es den Chinesen in die Schuhe zu schieben, wenn ich auch sagen muss, dass ich deswegen in den letzten achtundvierzig Stunden fürchterlich viel aufräumen musste, um ihren Nachrichtendienst von unserer Spur abzubringen. Ein wenig erinnern sie mich an einen gereizten Tiger.“

Vandertone horchte auf und zwang sich, seine Hände zu falten und ruhig abzulegen.

„Ach?“, fragte Harrison spöttisch. „Jetzt habe ich also deine uneingeschränkte Aufmerksamkeit? Leider muss ich dir eröffnen, dass das auch schon alles war, was ich dir mitteilen wollte.“

Harrison richtete sich auf und strich seinen Anzug glatt. „Keine Sorge, wir sehen uns ja bald wieder. Wenn das alles hier vorbei ist, ich unsere Firmenanteile verkauft habe und meine Pharmalabore den Impfstoff auf den Markt bringen, werde ich eine hübsche kleine Andacht für dich organisieren. Eugene war immer mehr als ein Partner für mich. Er war ein Freund … Welch Ironie, dass es ausgerechnet ein Notstromaggregat aus deiner eigenen Firma ist, das aufgrund von Produktionskosteneinsparungen eine Fehlfunktion hat, findest du nicht?“

Während Vandertone sich irritiert aufsetzte, wandte sich Harrison bereits zur Tür.

„Diese verdammten Netzüberlastungen auch! Wer hätte schon ahnen können, dass man jemals so viele Haushalte in dieser Gegend gleichzeitig den gesamten Tag über versorgen muss?“

Ohne sich ein weiteres Mal umzusehen, verließ Harrison das Krankenzimmer. Vandertones Blick glitt gehetzt vom Fernseher zum Lungenautomaten und zurück.

Der Bildschirm flackerte ein letztes Mal und wurde dann schwarz.