Khom – Märchen (3) – Die Legende von Rashid

Zurück zu Khom – Märchen (2) – Das Portal der geflügelten Schlangen

Übersicht aller Artikel

Aus der Perspektive eines Autors ist Spielleiten toll, denn es gibt einen Umstand, der vieles leichter macht: Du bist nicht alleine.

Verglichen mit der üblichen Art und Weise, als Autor eine Geschichte zu erzählen – nämlich Stunde um Stunde in seinem stillen Autorenkämmerlein zu sitzen, ohne eine direkte Feedbackschleife mit dem Leser zu haben – ist das eine geradezu luxuriöse Situation. Kein qualvolles Story-bergauf-schieben. Kein mühsames Sich-selbst-überwinden. Kein Verzweifelt-um-Dramaturgie-ringen. Denn das machen häufig genug deine Spieler*innen für dich. Zudem dient das, was sie an Feedback und Spielaktionen auf den Tisch kippen als ständiger Creative Constraint für deine eigene Schöpferkraft.

Wäre da nicht dieser eine Umstand, der dir aus der Perspektive des Autors beim Spielleiten vieles schwieriger macht: Du bist nicht alleine.

Wer es gewohnt ist, ohne Hindernisse in der Story schalten und walten zu können, muss erst einmal damit klarkommen, dass sie beim Spielleiten durch die Aktionen und Einflüsse der Spieler*innen mal hierhin, mal dorthin wabert – und sich dabei oft genug weit von dem entfernt, was du als SL eigentlich vorhattest.

Ich persönlich mag es, wenn das passiert.

Denn der entstehende Kontrollverlust wird aus meiner Sicht dadurch vollkommen aufgewogen, dass ich selbst als SL (und damit vermeintlicher Haupt-Autor der am Spieltisch entstehenden Geschichte) überrascht werden kann. Story Now. Kein Story After.

In meinem Beitrag über Immersion vor einigen Wochen schrieb ich davon, dass meine Spieler*innen das Stilmittel der Märchen auf eine für mich überraschende Art und Weise genutzt haben: als Werkzeug zur psychologischen Kriegsführung.

Sie verfassten die Legende von Rashid, um die Moral der Novadis zu stärken und sich den Al’Anfanischen Invasoren länger entgegenzustemmen, wobei sie etliche der tatsächlich stattgefundenen Geschehnisse einwoben. Außerdem versuchten sie immer wieder zu unterstreichen, dass die pauschale Ablehnung der „Fremdländer“ (sprich: der SCs) in Reihen der Novadis, grundlos ist, im Gegenteil: Im Märchen sind sie von Rastullah selbst gesandt, um den Tapfersten unter den Verteidigern in Zeiten der Not beiseite zu springen.

Glühend brannte die Sonne auf die Lande der Beni Shadif, doch Rashid der Jäger schlich sich der Hitze trotzend durchs Gebüsch, der Spur einer Antilope folgend. Leise kniete er sich nieder und spannte seinen Bogen, als er sich dem Tier genähert hatte. Mit einem einzigen Schuss, wie es nur Rashid vermochte, erlegte er das Tier.

Rashid erhob sich und ging auf das Tier zu, um es zu seiner Sippe zu bringen, doch dann zuckte er zusammen, denn vor ihm aus dem Gebüsch trat ein gewaltiger Sandlöwe, der ihn grimmig ansah. Rashid zog seinen Waqqif und stellte sich dem Löwen entgegen, doch dieser blickte ihn nur an und sprach zu ihm. „Wie ist dein Name, mein Sohn?“

Rashid ging erschrocken einen Schritt zurück und starrte zurück. „Ich bin Rashid ben Omar vom Stamme der Beni Shadif.“

So sag mir, Rashid ben Omar ben Shadif, was tust du hier?“

Verwirrt blickte Rashid den Löwen an und antwortete mit stolzer Stimme: „Ich jage das Wild, auf dass meine Sippe nicht hungern muss.“

Der Löwe umkreiste Rashid. „Ich bin zu dir gekommen, um dich zu warnen. Aus dem Süden werden Raben kommen, um alles Land zu verschlingen, welches du siehst. Sie werden kommen, und deine Söhne und Töchter werden unter ihrer Herrschaft stehen müssen und ihnen dienen. Doch du wurdest ausgewählt, gegen sie zu bestehen, auf dass deine Söhne und Töchter in Freiheit leben können.“

Rashid betrachtete den Löwen skeptisch. Er war kein Kämpfer, doch er wusste, dass er es nie zulassen könnte, dass seine Söhne und Töchter in Knechtschaft leben würden. Also sprach er zu dem Löwen. „So sage mir, oh Löwe, was soll ich tun, wenn ich auserwählt wurde, gegen die Raben zu kämpfen?“

Der Löwe wandte den Blick gen Süden und sprach mit ernster Stimme. „Ziehe dorthin, in die Täler des Szinto, dort wirst du die Raben finden.“ Und so verneigte sich Rashid vor dem Löwen und tat wie ihm geheißen.

So geschah es, dass Rashid am Laila al Kira, der Nacht des Sieges des achten Gottesnamen nach dem fünften Rastullahellah 249 Rastullah, auf den Feldern vor Malkillabad an der Seite der edlen Truppen des Kalifen stand, um gegen die Feinde aus dem Süden zu kämpfen, die dem Raben folgen. Die Zeichen Rastullahs standen auf der Seite der Wüstensöhne, der Tag des Sieges konnte nur Erfolg versprechen.

Doch der Feind war listig und blendete mit der Macht der Ifriitim die Geister der Tapferen, auf dass sie nicht mehr wussten wer und wo sie waren. Und so musste Rashid mit ansehen wie seine Brüder von den Raben erschlagen wurden. Auch Rashid wusste nicht mehr wie ihm geschah. Sein Name war vergessen, der Löwe und seine Söhne und Töchter, seinen Bogen hatte er verloren, er wusste nicht einmal mehr, dass er einen besessen hatte.

Und so kamen die Raben über ihn und rangen ihn nieder. Rashid lag am Boden, seinem Ende nahe, doch dann sah er einen Kämpfer über ihm, der die Raben vertrieb. Einer nach dem anderen ging unter seinen mächtigen Hieben zu Boden. Rashid war verwirrt und seine Sinne vernebelten sich, doch der Mann half ihm auf und brachte ihn in die Berge, weit weg von den Kämpfen im Tal.

Als Rashid wieder zu sich kam, erinnerte er sich wieder wer er war und wozu er hier war, doch die Raben hatten bereits alle seine Brüder erschlagen. Einzig der Mann der ihn gerettet hatte, war noch da und zu seiner Überraschung war es ein Fremdländer, von denen er so viele in den Reihen des Kalifen gesehen hatte. Rashid war erschrocken, dass ausgerechnet ein Ungläubiger sein Leben rettete, doch er wusste um seine Schuld, die er bei diesem hatte und so dankte er ihm.

Gemeinsam kämpften sie sich durch die Reihen der Raben einen Weg zurück ins Shadif, wo sich ihre Wege trennen sollten. Rashid wollte seine restlichen Brüder warnen und der Fremde ritt gen Unau, um sich den tapferen Verteidigern der Stadt anzuschließen.

Doch als Rashid zu seinen Brüdern zurückkehren wollte, waren diese vergiftet vom Gesang der Raben und folgten diesen, so musste Rashid gegen seine eigenen Brüder kämpfen. Lange zog Rashid durch das Shadif und als er endlich Unau erreichte, waren die Raben bereits angekommen. Die stolze Blume der Khom war gefallen und verwelkte in den Händen des Raben. Rashid zog von heiligem Zorn ergriffen seinen Bogen und seine Pfeile prasselten auf die Feinde hernieder. Einer nach dem anderen fiel zu Boden, doch die Raben waren viele und so strömten sie aus in Scharen, um ihn zu stellen. Neun Raben fielen unter seinen Pfeilen und neun durch seinen Waqqif, bis es ihnen gelang, ihn niederzuringen. Die Raben, wütend ob ihres Feindes und hinterhältig, wie es ihre Art ist, schnürten ihm die Hände und Beine und übergaben ihn den Fluten des Chaneb, wo sein Körper bald in den salzigen Fluten versank.

Doch als sein Körper den Chaneb entlang gespült wurde, sprang ein Löwe in die Fluten und zog ihn heraus. Rashid öffnete seine Augen und sah erneut den Löwen, der ihm schon vor langer Zeit begegnet war. Diesmal jedoch leuchtete sein Fell hell auf wie der Sand der Wüste. Geblendet von seiner Schönheit verdeckte Rashid seine Augen.

Doch der Löwe sah ihn an und sprach zu ihm. „Rashid ben Omar ben Shadif, deine Zeit ist noch nicht gekommen. Der Eine sah deinen Mut und deinen Stolz und der Eine ist es, der dir, seinem Sohn, eine Aufgabe zuteil werden lässt. Die stolze Blume ist gefallen, doch du sollst den Zorn unter diejenigen bringen, die sie geschändet haben. Du sollst ihnen zeigen, was es bedeutet sich den Söhnen der Wüste zu bedienen. Du wurdest auserwählt, den Tod unter sie zu bringen. Du sollst die Letzten der Tapferen einen und die Raben zerschlagen. Du sollst im Namen Rastullahs in die Stadt ziehen und den Tod unter sie bringen, doch sollst du der Schatten unter ihnen sein, den sie nicht zu fassen bekommen. Auch befinden sich Fremdländer in der Stadt, doch der Rechtgläubige soll sich nicht vom Äußeren täuschen lassen, denn sie sind unterwegs in meinem Namen, um Verlorenes zurück zu meinen Söhnen zu bringen. Ihnen sollst du helfen, so wie einer von ihnen dir geholfen hatte. Nun geh und kämpfe!“

Schweigend und ehrfürchtig nickte Rashid und als er an sich herab blickte, sah er wie seine Wunden geheilt waren, seine Waffen lagen neben ihm und der Löwe war verschwunden. So erhob Rashid seine Waffen und tat wie ihm geheißen.

Ob das nun wirklich funktioniert, um die Moral der Novadis zu stärken und ihren Mut neu zu entfachen oder länger am Lodern zu halten? Oder die Vorurteile gegenüber den ungläubigen SCs abzuschwächen? Keine Ahnung. Als SL wäre ich niemals auf diese Idee gekommen. Ich kenne mich nur rudimentär mit der menschlichen Psychologie aus. Und noch weniger mit den Details der novadischen Mentalität in diesem speziellen Punkt, denn letzten Endes ist die novadische Kultur immer noch fiktiv, also wird es wahrscheinlich niemand je letztgültig beurteilen können.

In diesem Fall greift also meiner Meinung nach die altbekannte „Ja-Aber“-Regel: Sag als SL niemals nein. Sag nicht, dass etwas nicht funktioniert. Wenn du Bausteine, die deine Spieler*innen auf den Spieltisch werfen, negierst, wirst du nur eines erreichen: Stagnation, die Mutter von Langeweile.

Was tat ich? Ich respektierte den Wunsch meiner Spieler*innen, dass dieses Märchen eine Rolle in unserer Welt spielen sollte und ließ es gelingen und seine Wirkmacht entfalten. Zumindest zum Teil. Und gleichzeitig suchte ich nach Möglichkeiten, wie auch andere Strömungen innerhalb der unübersichtlichen politischen Landschaft der Novadis es für ihre jeweiligen Zwecke nutzen könnten.

Denn das ist eine der Lektionen, die mich das Leiten der Khom-Kampagne gelehrt hat: Du bist im Grunde nicht der Haupt-Autor der gemeinsam erlebten Geschichte. Deine Spieler*innen sind es.

Und die SCs die Stars in der Manege, um die sich die Show drehen sollte.

Apropos: Was passiert eigentlich, wenn diese Helden fallen?

2 Antworten auf „Khom – Märchen (3) – Die Legende von Rashid“

  1. Schoen, dass Du das hier fortsetzt. Fuer mich ist das das Schoenste an einer so dicht beschriebenen Welt wie Aventurien – die Freiheit des SL schraenkt sie zwar wie oft beanstandet ein, aber die praktische Freiheit der Spieler wird gestaerkt, durch den SL gegebene Hintergruende mit bestehenden zu verknuepfen und dann auf gar nicht vorgesehene Moeglichkeiten zu kommen, die trotzdem oder gerade deswegen narrativ stimmig sind.

    1. Hallo Hina,
      im Prinzip bin ich hier genau deiner Meinung. Auf der einen Seite war ich oft mühsamst auf der Suche danach, ob ein bestimmmter Sachverhalt in der „offiziellen“ Spielwelt bereits beschrieben und geregelt wurde (Spieler*innen, die dieses Wissen zufällig verfügbar haben und sich mit einer von mir ausgedachten Alternative konfrontiert sehen, können an dieser Stelle manchmal unerbittlich sein), auf der anderen Seite mindestens ebenso oft unendlich dankbar für den Creative Constraint, den mir diese Beschreibung liefert.
      Wahrscheinlich muss jede SL für sich selbst früher oder später entscheiden, wo auf der Skala zwischen „ich-halte-mich-sklavisch-an-alles“ und „was-die-da-schreiben-is-mir-grundsätzlich-wurscht“ sie sich einsortieren will.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.