Sonnenstahl

von Benjamin Hirth

Meister Zephyr lächelte sein liebenswürdigstes, zahnloses Lächeln. „Komm näher mein Junge“, säuselte er. „Was siehst du?“
Daren wischte sich den Schweiß von der Stirn, der ihm in die Augen lief und darin brannte wie Feuer. Kein Wunder: Das Kohlefeuer, um das er sich die letzte Stunde gekümmert hatte, hatte ihn derart mit Ruß überzogen, dass ihn seine eigene Mutter nicht wiedererkannt hätte. Falls er eine besessen hätte, wohlgemerkt.
„Nun?“, bohrte Zephyr nach.
„Rot?“, riet Daren aufs Geratewohl. „Der Stahl glüht rot.“
Der alte Schmied ruderte mit der freien Hand, um den Jungen dazu zu bewegen mehr Wörter auszuspucken.
„Ich … ich sehe die Schichten“, stammelte Daren. „Hier kann man die Ränder erahnen. Eine, zwei, drei… diese noch, und mit dieser sind es fünf insgesamt.“ Er schielte zu Zephyr hinauf und blies die Backen auf.
„Richtig“, sagte der Schmied. „Und was siehst du nicht?“
Daren widerstand dem Drang, mit den Schultern zu zucken. Stattdessen blies er lautlos die Luft aus den Backen.
„Dann komm noch ein Stück näher zu mir“, säuselte Zephyr, „damit ich es dir zeigen kann.“
Der Junge wusste nicht ansatzweise, was sein Meister meinte, also trat er einen weiteren Schritt auf diesen zu, den Blick erwartungsvoll auf das Stück Metall gerichtet.
Patsch. Zephyrs Hand schlug flach auf Darens Stirn ein.
„Du siehst kein Orange, du Dummkopf!“ Noch ein Schlag. „Kein Gelb!“ Ein Dritter. „Geschweige denn Weiß! Wie soll ich die verdammten Lagen sauber miteinander verschweißen, wenn das Feuer nicht heiß genug ist?“
Daren taumelte zurück und betastete seine brennende Stirn. Zum Glück hielt Zephyr den Stahl weiter mit der Zange ins Feuer der Esse, anstatt womöglich damit auf ihn einzudringen.
„Schwing deinen faulen Arsch und bring den Blasebalg zum Laufen!“, brüllte der Schmied ihm hinterher. „Bevor die Kohle ganz heruntergebrannt ist. Weißt du eigentlich, wie schwierig es ist, an solch eine Menge Bergwerkskohle zu kommen und wie viele Männer ich dafür bestechen musste?“
Hektisch lief Daren in den hinteren Teil der Schmiede, dort wo das spärliche Licht aus den schmalen Fenstern kaum hingelangte, und zerrte den zweiten, größeren Blasebalg hervor. Was meinte Zephyr eigentlich, womit er die gesamte letzte Stunde zugange gewesen war? Warum hatte der Meister ihm nicht gleich gesagt, dass der kleine Blasebalg nicht ausreichend Luft liefern würde, um die Temperatur zu erreichen, die es brauchte?
„Bei allen fünf Höllenhunden!“, rief der Schmied. „Mach ein bisschen schneller und lass dir das eine Lehre sein.“
Oh ja, das würde er. Keine halbe Stunde später glühte der Stahlbarren weißgelb, während Zephyr ihn mit mächtigen Schlägen auf seinem Amboss malträtierte, dass die Funken zu Boden flogen.
„Geh und hol dir einen Schluck Wasser, Junge“, rief ihm der Schmied zwischen den Hammerschlägen zu. „Bevor du mir wegen Überhitzung umfällst. Ich brauche dich gleich.“
Das Wasser war eine Wohltat. Daren hatte gar nicht bemerkt, wie durstig er gewesen war. Er nutzte den Augenblick, um hinaus in die Fiebersümpfe zu lauschen. Es war still, so still, dass er seinen eigenen Herzschlag hörte. Das war das Gute am Sumpf. Im Grunde war es immer still. Das Schlechte am Sumpf war es allerdings auch. Denn damit gab es nichts, was seine inneren Dämonen übertönte. Und davon hatte Daren genug.
Leider bemerkte Zephyr viel zu rasch, dass sich sein Lehrling gerade erholte. „Steh nicht so faul herum, du Drückeberger!“, plärrte der Meister zu ihm herüber. „Komm her, ich brauche dich jetzt!“
Das Werkstück in der Kohleesse hatte in der Zwischenzeit eine beträchtliche Länge gewonnen. Es fehlte nicht mehr viel zur fertigen Klinge. Eines musste man dem Alten lassen. Schmieden konnte er wie kein Zweiter. Trotzdem war er ein Arschloch.
„Hier“, sagte Zephyr und drückte seinem Schüler die Zange in die Hand. „Ich will dass du es mir auf den Amboss legst. Erst auf die eine, dann auf die andere Seite. Rasch, ehe es wieder zu heiß wird.“
Daren packte das Stück glühenden Stahl mit der Zange und wuchtete es hinüber auf den Amboss.
„Der Länge nach“, dirigierte sein Meister. „Ja. So ist es richtig. Und nun sieh zu und lerne!“ Zephyr nahm Hammer und Meißel und hieb mit der Spitze eine Kerbe in den Stahl, als wolle er ihn in der Mitte spalten. Hatte den Alten endgültig der Wahn gepackt?
„Sieh mich nicht so an, Dummkopf! Ich weiß, was ich tue. Schon mal was von Gärbstahl gehört? Umdrehen.“
Daren schüttelte stumm den Kopf.
Zephyr schnaubte. „Warum gebe ich mich nur mit dir ab, Junge? Umdrehen habe ich gesagt! Los, bevor der Stahl zu kalt wird.“
Rasch tat Daren wie ihm geheißen und mit wenigen geschickten Hammerschlägen bog Zephyr die eine Hälfte des Werkstücks um und flach auf die andere. „So“, nickte er zufrieden. „Und jetzt zurück ins Feuer, bis beides wieder miteinander verschweißt ist. Bring mir auch einen Schluck Wasser. Und feuchte Tücher. Na los doch! Wird’s bald?“
Als sie beide mit Trinkbechern und den besagten Tüchern im Nacken neben der Esse standen, legte Zephyr eine Hand auf Darens Schulter. Die Hände des Schmieds waren riesig und so voller Narben und Schwielen, dass sie eher an Baumrinde als an Haut erinnerten.
„Also Junge. Gärbstahl. Nachdem wir nun einmal in diesen Zeiten leben, kannst du dich auf die Qualität des Stahls nicht mehr verlassen, den du zwischen die Finger bekommst. Stattdessen musst du dankbar sein, dass es überhaupt genug für eine Klinge ist.“
Daren nickte stumm. Er hatte gelernt, dass es in solchen Augenblicken besser war zu schweigen und Zephyr nur zuzuhören, während das Wissen seines Handwerks aus dem Alten hervor sprudelte.
„Deshalb verwenden wir Fünflagenstahl, den wir falten, um die harten und weichen Bestandteile der verschiedenen Metalle zu vermischen. So stellen wir sicher, dass wir eine Klinge erhalten, die sowohl hart genug ist, um eine scharfe und haltbare Schneide zu besitzen, aber weich und biegsam genug, um nicht bei der erstbesten Gelegenheit in Stückchen zu zerbrechen. Verstanden?“
Daren nickte wieder. Und wie er verstanden hatte. Er hatte alles, was ihm Zephyr in den letzten Monaten gezeigt hatte, aufgesaugt wie ein Tuch den Schweiß. Das Leben, das er zuvor geführt hatte, hatte ihn gelehrt, dass Klingen zu schwingen eine törichte, weil viel zu oft tödliche Idee war, die dennoch immer wieder genug Narren in den Sinn kam. Klingen zu schmieden jedoch …
Zephyr nahm seine Hand von der Schulter des Jungen und trat zum Fenster, um einen Blick auf die Sümpfe und die Aschewolken am Himmel zu werfen. Seine Miene nahm einen sorgenvollen Ausdruck an, während er gedankenverloren einen Funken löschte, der sich in seinen Bart verirrt hatte.
„Genug ausgeruht, Daren. Zurück an den Blasebalg. Wir brauchen Weißglut, damit die Lagen fehlerfrei miteinander verschweißen.“
Der Junge stutzte. Hatte der Alte ihn tatsächlich gerade beim Namen genannt? Etwas musste ihn beschäftigen, wenn er sich so wenig Mühe gab, seinen Lehrling zu herunter zu putzen. Leider war die Arbeit am Blasebalg deshalb trotzdem nicht einen deut besser als zuvor. Daren keuchte und schwitzte, bis der Schmied endlich den Barren aus dem Feuer nahm und erneut mit wuchtigen Schlägen in Form brachte.
Als der Junge die Esse umrundet hatte, hatte Zephyr den Barren bereits auf die Länge seines Unterarms gebracht und formte die Spitze aus. Ein paar Schläge, dann hob der Schmied sein Werkstück am Erl schräg in die Höhe, um zu untersuchen, ob es gerade und gleichmäßig war. Nicht, dass das nötig gewesen wäre. Der Alte arbeitete immer perfekt. Daren fragte sich, ob er selbst eines Tages den Hammer mit ebensolcher Präzision würde schwingen können.
Zephyr legte die Klinge auf dem Amboss ab und wischte den Ruß seiner Hände am Bart ab. „So“, grinste er sein zahnloses Grinsen, auch wenn es diesmal eher grimmig ausfiel. „Ab jetzt beginnt die eigentliche Arbeit.“
Der Alte humpelte zu einer Kiste, die zwischen anderen im Halbdunkel stand und kramte eine halbe Ewigkeit darin herum. Irgendwann holte er ein längliches Bündel, eingeschlagen in grobes Tuch, hervor und legte es auf der Bank neben dem Amboss ab, als wäre es zerbrechlich.
Als Zepyr das Tuch aufschlug, vergaß Daren beinahe zu atmen.
„Na immerhin weißt du, was das hier ist“, lachte der Alte grimmig.
„Gold“, stöhnte der Junge. „Es ist Gold!“
In dem Bündel lagen zwei Gegenstände. Ein schlanker Stab aus Gold, nicht einmal so dick wie Darens kleiner Finger, doch dafür so lang wie sein Unterarm. Und ein Messer mit konkaver Klinge, die nicht einmal so lang war, wie sein Daumen. Eine goldene Linie wand sich spiralförmig darin.
Wieder das zahnlose Grinsen. Der Schmied griff den goldenen Stab und das Messer mit etwas, das an Ehrfurcht erinnerte – hätte der Junge nicht gewusst, dass solche Gefühle für den Alten nahezu ausgeschlossen waren.
„So, Daren“, sagte Meister Zephyr. „Sieh gut hin, denn nun beginnt das wahre Handwerk.“
Der Junge versuchte, sich wieder ans Atmen zu erinnern. „Aber das ist…“, stammelte er. „Wie seid Ihr…? Ich meine, habt ihr keine Angst vor Erg…“
„Schweig still!“, herrschte ihn der Alte an. „Oder willst du ihn auf unsere Spur bringen? Natürlich weiß der alte Geier nicht, dass ich es habe, sonst wäre ich womöglich längst tot.“
Der Schmied packte sich das Messer und hob es andächtig in die Höhe. Mit einem schnellen Schnitt zog er es über seinen Daumen, so dass tröpfchenweise Blut hervortrat. „Wenn du eines der fünf verbotenen Metalle schmieden willst, Daren, dann musst du dies mit deinem Blut tun.“
Er legte das Messer wieder beiseite und beschmierte den Goldstab mit seinem Daumen, bis ein glänzender Film darauf lag. Irgendwann nickte er zufrieden, legte ihn beiseite und ließ weiteres Blut auf seine heiße Klinge herabtropfen, wo es zischend verdampfte.
„Ein Stück Tuch!“, rief er dem Jungen zu, „Bring mir ein Stück Tuch. Rasch!“
Daren, der sich dabei ertappte, wie er die ganze Zeit mit offenem Mund seinen Meister angestarrt hatte, riss sich von dem Anblick los und eilte davon.
„Sauber, versteht sich! Ich will mir keinen Brand einfangen“, rief ihm Zephyr hinterher.
Daren fand ein sauberes Stück Stoff und hastete zurück. Der Schmied riss einen Streifen ab und wickelte ihn um den blutenden Daumen, ohne den Blick von seinem Werkstück abzuwenden. „Wenn du keinen Teil deines Selbst dazugibst, Junge“, nuschelte er, während er das Ende des Streifens mit den zusammengepressten Lippen festhielt, „werden sich die Metalle nicht verbinden und deine Arbeit ist umsonst.“
Der Junge streckte die Hände aus, um dem Alten mit dem Knoten zu helfen, doch dieser schob ihn verächtlich beiseite. „Aber Meister“, fragte er, „wenn wir unser Blut hineingeben, wird das nicht die Mächtigen auf unsere Spur bringen?“
Zephyr lachte plötzlich und irr, so wie er es sonst nur tat, wenn er eine gesamte Flasche Hochgebrannten getrunken hatte. „Niemand hat gesagt, dass es kein Risiko gibt, Junge! Du musst nur schlauer sein als sie.“ Er packte die dampfende Klinge mit der Zange und wand den goldenen Stab darum.
Daren fragte sich bereits, welchen Sinn das ergeben sollte, da bemerkte er es: Obwohl es keinen natürlichen Grund dafür gab, zog sich das Gold zusammen, als wäre es eine Schlange aus den Fiebersümpfen und der Stahl seine Beute, die es zu erdrosseln suchte.
Zephyr nahm den Hammer, um die Kanten zu glätten, dann schob er das Ganze wieder in die Kohleesse. „So, Junge. Es ist Zeit, die Wanne zum Abschrecken fertig zu machen. Bring sie her!“
Daren nickte und lief in den hinteren Teil der Schmiede, um die Wanne hervorzuziehen. Mit einem Mal waren Müdigkeit und Erschöpfung von ihm abgefallen wie ein Umhang, den er von den Schultern gestreift hatte. So langsam aber sicher realisierte er, was sie im Begriff waren zu erschaffen. Das, was sein Meister dort schmiedete, war eine der sagenumwobenen Heldenklingen. Etwas, das Daren nur aus Legenden kannte. Aus blutigen Legenden, die in der Regel ein ebensolches Ende nahmen.
Während er die Wanne Eimer für Eimer mit Wasser füllte, beobachtete er seinen Meister. Vom heutigen Tag an würde er ihn mit einem anderen Blick sehen. Zephyr trug verborgenes Wissen in sich, das er niemals bei dem Alten vermutet hatte.
„Das reicht“, rief der Schmied irgendwann. „Hast du saubere Finger? Dann halte kurz das hier, damit ich es nicht in den Dreck werfen muss.“ Zephyr drückte seinem Schüler den Verband in die Hand und ging vor der Wanne in die Knie. „Manche meiner Mitstreiter haben mich dafür belächelt“, sagte er und es schien, als redete er mehr mit sich selbst, „aber ich bin der Meinung, dass man beim Abschrecken ebenfalls sein eigenes Blut dazugeben muss.“ Er ließ Tropfen aus dem Schnitt in die Wanne fallen. „Gut. Gib das Tuch zurück. Was siehst du jetzt?“
Daren trat so nahe an die Esse, dass es ihm beinahe die Augenbrauen versengte. Diesmal wollte er ganz sicher sein. „Der Stahl glüht bereits wieder. Wir müssen also aufpassen, dass er vor dem Härten nicht überhitzt.“
Er sah hinauf zu seinem Meister, der zustimmend nickte, während er sich den Verband wieder um den Daumen wickelte.
„Wenn wir ihn überhitzen“, fuhr Daren fort, „dann wird es beim Abschrecken Risse geben, und unsere ganze Arbeit wäre umsonst. Was mich aber verwundert, Meister, ist, dass das Gold nicht schmilzt. Den Glühfarben des Stahls nach, müsste das längst der Fall sein.“
In genau diesem Augenblick blitzte die goldene Spirale, die in die Klinge eingelassen war, plötzlich auf, verfärbte sich so rot wie das Blut seines Meisters, und verschlungene Schriftzeichen wurden sichtbar, so als hätte eine unsichtbare Hand sie hinein graviert. Daren taumelte vor Schreck zurück und stieß gegen den Amboss, wo er auf dem Hosenboden sitzen blieb.
Zephyr lachte. „Wenn du dir vor Angst in die Hosen scheißt, tu das lieber draußen. Ich brauche meinen letzten Rest Konzentration für das Abschrecken und diese Art von Geruch trägt nun wirklich nicht dazu bei.“
Daren rappelte sich auf, klopfte sich ab und kniff trotzig die Lippen aufeinander.
„So, Junge“, sagte der Alte und packte beherzt die Zange, „es ist soweit. Jetzt wird sich zeigen, ob die Anstrengungen der letzten Stunden es wert waren oder nicht.“
Daren runzelte die Stirn. Immerhin erkannte Zephyr an, dass ihre Arbeit anstrengend gewesen war. Oder sprach er nur über seine eigenen Schweißperlen?
„Zur Seite!“ Der Schmied hatte das Werkstück aus der Esse gezogen und stieß es senkrecht ins Wasser der Wanne hinab, so dass zischend Dampf in die Höhe fuhr.
Die Ohren gespitzt, lauschte Daren nach dem einzigen Geräusch, das er im Moment nicht zu hören wünschte, doch es kam nicht.
„Richtig, Daren“, sagte Zephyr. „Das Ausbleiben eines Knackens heißt schon einmal, dass uns das Schlimmste erspart geblieben ist.“ Der Schmied schwenkte die Klinge nochmals hin und her, dann zog er sie heraus. Irrte Daren, oder sah er Erleichterung auf dem Gesicht seines Meisters? Es war die zweite Emotion heute, die er dem Alten nicht zugetraut hätte.
Zephyr legte die Spitze auf dem Amboss ab, wendete die Klinge von einer Seite zur anderen und kniff ein Auge zusammen, während er den Rücken der Waffe entlang spähte. „Sie sieht gerade aus. Das ist gut. Wenn sie sich verzogen hätte, hätten wir sie begradigen müssen.“
Der Alte grinste sein bestes zahnloses Grinsen. Er sah zufrieden aus. „Jetzt müssen wir sie nur noch abschleifen und dann haben wir eine Klinge aus Sonnenstahl, die eines Champions würdig…“
Die hintere Wand der Schmiede brach mit einem Mal nach außen weg, so als wäre sie nicht aus massiven Steinblöcken gebaut. Das Dach sackte in sich zusammen und Daren fürchtete einen Augenblick, es würde auf sie herabstürzen, doch es hielt knirschend auf halbem Weg inne und überließ dem Staub, den ganzen Weg bis zum Boden zu nehmen.
Eine Fratze schälte sich aus den aufgewirbelten Schwaden hervor. Sie erinnerte entfernt an einen Adler mit Hörnern, zwischen denen eine goldene Sonnenscheibe prangte. Die Gestalt, gehüllt in ein rotgoldenes Federkleid und so hoch wie zwei Männer, stieg über die Mauerreste hinweg, sodass Trümmer unter den gespaltenen Hufen zu Staub zerbröselten. Der Dämon beugte sich herab und griff nach einem Dachbalken, um den gesamten Dachstuhl wie einen Truhendeckel aufzuklappen.
Daren hechtete unter eine Werkbank. Er kannte nur noch einen Gedanken: davonzulaufen und sich im Halbdunkel zu verstecken.
Zephyr schien anderes im Sinne zu haben. Der Schmied schrie zornig auf, richtete die Klinge auf den Dämon und brüllte Worte in einer Sprache, die Daren nicht verstand.
Helligkeit glomm an der Spitze der unfertigen Waffe auf, dann schoss ein Strahl aus purem Licht daraus hervor und auf die riesenhafte Gestalt zu.
Daren riss den Arm vor die Augen und war dennoch geblendet, so gleißend hell war die Lanze aus Licht, die durch die zerstörte Schmiede fuhr. Holz und Stroh, das sie auf ihrem Weg traf, ging ansatzlos in Flammen auf, während Stein zerbarst und Metall die ersten Glühfarben zeigte. Dann schwenkte sie herum und traf den Dämon. Dort wo das Licht über das rotgoldene Gefieder strich, plusterte es sich auf, schwoll zu einem Knistern und Flimmern an, das den ganzen Raum einnahm. Ein metallenes Klingen, so als hätte jemand mit voller Wucht auf den Amboss geschlagen, wurde lauter und lauter. Kein Zweifel, dies war niemand anders als Ergremon persönlich. Und ihn hielt das alles nicht einmal auf.
Der Dämon glitt zwei weitere Schritte voran, erreichte Zephyr und biss ihm ansatzlos den Kopf von den Schultern.
Das Licht erlosch von einem Wimpernschlag zum nächsten. Der kopflose Körper des Alten taumelte noch ein oder zwei Herzschläge, dann kippte er hintenüber und spuckte eine Lache voll Blut auf den Lehmboden.
„Sterblicher Wurm“, knurrte Ergremon aus den Tiefen seiner Kehle, „wie kannst du es wagen, mir mein Gold zu stehlen? Wenigstens warst du dumm genug, mein eigenes Metall gegen mich richten zu wollen!“
Er bückte sich und wand dem Toten die unfertige Waffe aus den Fingern. „Doch deine Arbeit soll nicht umsonst gewesen sein. Sie soll meiner Armee dienen und die Waagschale zu meinen Gunsten neigen.“
Als er sich wieder aufrichtete, fiel der Blick des Dämons auf Daren. Der Junge vergaß für einen Augenblick fast zu atmen und presste sich tiefer in die Schatten. „Sieh an“, grollte Ergremon, „Frischfleisch für die Minen. Ihr Menschen seid so zerbrechlich.“
Die Pranke des Dämons fuhr vor und packte den Jungen am Knöchel. Daren wollte schreien, doch der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Er wurde hervorgezerrt und in die Höhe gerissen, bis er kopfüber baumelnd vor der Fratze des Dämons zum Halten kam.
Ergremon starrte ihn mit seinen goldenen Knopfaugen an und sein Atem brannte wie Feuer in Darens Gesicht, als er sprach. „Vielleicht aber auch in die Schmieden. Mein gefräßiger Heerwurm hat immer Hunger auf Stahl. Auch wenn der Alte verrückt war, es muss einen Grund geben, warum er dich aufgenommen hat.“
Daren konnte kaum atmen, so sehr biss der scharfe Geruch des Dämons in seiner Kehle. Stattdessen starrte er mit aufgerissenen Augen in Ergremons Fratze und hoffte still, nicht der nächste Tote in diesem Raum zu werden.
Der Dämon drehte ihm nicht den Hals um. Er schlitzte ihm auch nicht den Brustkorb auf. Er lachte, ein schrecklicher, grollender Laut wie ein fernes Gewitter. Dann warf er sich den Jungen einem Reisebündel gleich über die Schulter, stieg über die Mauerreste und stapfte hinaus in den Sumpf.

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